GSB 7.1 Standardlösung

Gestatten, Jorina Suckow!

Ein vollgepackter Tag mit Probeklausuren und Examensstress und dann: ein Anruf, eine Herausforderung! Vor zwei Jahren fragte ich mich: Wie viel Verantwortung möchte ich für meine Generation übernehmen? Jetzt bin ich seit zwei Jahren Teil des Nationalen Begleitgremiums. Eine bewusste, eine prägende Entscheidung!

NBG-Mitglied Jorina Suckow NBG-Mitglied Jorina Suckow Quelle: Marc Eberhardt / Theresa Bacza

Im September 2016 klingelte auf dem Nachhauseweg von der Uni mein Handy. Rangegangen bin ich eher zufällig, da ich auf einen Rückruf wartete. Am anderen Ende meldete sich jedoch eine mir unbekannte Stimme und fragte, ob ich einen Moment Zeit hätte. Normalerweise ist meine Antwort auf solche Anrufe: Nein, leider nicht! Da ich aber zu Fuß unterwegs zur Bahn war, hatte ich tatsächlich nichts Besseres zu tun. Um was es ganz genau ging, war mir in dem Moment nicht bewusst, aber das Thema "Endlagersuche" fand ich auf Anhieb wichtig und fragte mich selbst: Warum habe ich mich eigentlich damit noch nie beschäftigt?

Woher haben Sie meine Nummer?
Ein wenig skeptisch war ich aber auch. Wieso werde gerade ich angerufen und wie ist man an meine Nummer gekommen? Die Antwort "vom Computer generierte zufällige Nummern" überzeugte mich jedoch, sodass ich mir über die E-Mail-Adresse weitere Informationen zuschicken ließ. Wenig später – genauer gesagt am Reformationswochenende – fand dann in Kassel das "Bürgerforum für die junge Generation" statt. Die Zielgruppe: junge Menschen im Alter zwischen 16 und 27. Die anderen Teilnehmer*innen waren mir gleich sympathisch und hatten - zum Glück - genau so wenig Ahnung vom Thema wie ich.

Wir verbrachten das Wochenende damit, einen ersten inhaltlichen Eindruck vom Stand der geplanten Endlagersuche zu bekommen und diskutierten untereinander insbesondere die Rolle der Bürgervertreter*innen im Nationalen Begleitgremium. Ein weiteres Thema war die Wahl ins Beratungsnetzwerk. Aus diesem Zusammenschluss von interessierten Bürger*innen werden am Ende die NBG-Bürgervertreter*innen vorgeschlagen. Das Netzwerk unterstützt sie später auch in ihrer Arbeit.

Große Verantwortung, wenig Zeit
Wieder zuhause angekommen, berichtete ich Freunden und Familie vom erlebten Wochenende und besprach, ob ich mich zur Wahl ins Nationale Begleitgremium aufstellen sollte - als Vertreterin der jungen Generation. Die Meinungen waren alle sehr positiv und unterstützend. Schon am Wochenende darauf ging es für uns Gewählte nach Berlin, wo wir auf die anderen 24 gewählten Personen aus den regionalen Bürgerforen trafen. Letztlich entschied ich mich dazu, mich zur Wahl zu stellen.

Interesse hatte ich ohne Frage – aber das Thema "Schaffe ich das zeitlich überhaupt" und die einhergehende Verantwortung, haben mich nachdenklich gestimmt. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt gerade mit der einjährigen Vorbereitung auf das erste juristische Staatsexamen begonnen und neben der Arbeit eigentlich nur wenig Zeit. Trotzdem entschied ich mich dafür. Ich hatte das Gefühl, dass es eine einmalige Chance ist, mich zu engagieren. Auch wenn der Zeitpunkt eigentlich nicht optimal war: Ich wollte diese Gelegenheit ergreifen.

Die drei Bürgervertreter/innen des Nationalen Begleitgremiums Bettina Gaebel, Jorina Suckow, Hendrik Lambrecht (9. NBG-Sitzung 8.9.2017 Hannover) Die Bürgervertreter/innen Bettina Gaebel, Jorina Suckow und Hendrik Lambrecht Jorina Suckow war 2016 neben Bettina Gaebel und Hendrik Lambrecht eine von drei Bürgervertreter*innen im NBG - und die einzige Stimme der jungen Generation. Inzwischen ist das Gremium erweitert worden - drei weitere Bürgervertreter*innen sind dazugekommen, unter anderem Lukas Fachtan als zweiter Vertreter der jungen Generation Quelle: Walter Schmidt / Novum

Rein ins kalte Wasser
Gleich nach unserer Wahl haben wir Bürgervertreter*innen untereinander viel kommuniziert. Denn auch nach der Wahl wussten wir ja noch nicht so recht, auf was wir uns da genau eingelassen haben. Vieles war zum diesen Zeitpunkt noch ungeklärt. Wie oft tagt das Gremium eigentlich? Wie läuft die erste NBG-Sitzung ab? Wer sind die anderen Personen im Gremium?

Letztlich waren die ersten Sitzungen dann doch ganz anders, als ich es mir ausgemalt habe. Gerechnet habe ich damit, dass wir zunächst organisatorische Dinge klären, also den Vorsitz wählen, uns eine Geschäftsordnung geben und Mitarbeiter*innen für unsere Geschäftsstelle einstellen. Stattdessen haben wir uns gleich ins Geschehen geworfen und beschlossen, dass wir zwei Monate später eine öffentliche Veranstaltung organisieren möchten, um mit den Bürger*innen das Standortauswahlgesetz, das durch den Bundestag geändert werden sollte, zu diskutieren. Rückblickend in jedem Fall die richtige Entscheidung.

Nun bin ich schon zwei Jahre im Gremium und habe noch mindestens ein Jahr vor mir. Wir sind zunächst für drei Jahre ernannt, man kann jedoch noch zwei weitere Male wiederberufen werden - Wobei das bei mir als Vertreterin der jungen Generation eigentlich gar nicht geht. Die Altersgrenze für die beiden "Jungen" im Gremium liegt offiziell bei 27 Jahren, das heißt: in ein paar Jahren falle ich aus dieser Gruppe heraus.

Filmdreh im Hamburger Sommer
Die letzten zwei Jahre waren sehr interessant, aber auch anstrengend. Neben den monatlichen Sitzungen und weiteren Veranstaltungen finden einige Telefonkonferenzen statt. Zudem bekam ich gerade in der Anfangszeit viele Interviewanfragen.

2017 machte ich etwa bei einem Filmprojekt mit. Eine Gruppe von Studenten der Filmakademie Baden-Württemberg stellte mein ehrenamtliches Engagement in den Mittelpunkt eines dokumentarischen Kurzfilms. Der Titel: "Unser Endlager". Das Porträt war Teil der großen Vermächtnisstudie. Die Wochenzeitung ZEIT, das Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) und das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hatten zuvor Menschen in Deutschland nach ihren Überzeugungen befragt. Filme, wie das Porträt über mich, sollten diese Studie visualisieren und fassbar machen.

Emailflut und Examen
Am arbeitsintensivsten sind aber nicht die Interviews, sondern vor allem die vielen E-Mails samt Anhängen, die über den Tag eintrudeln. Schnell habe ich gemerkt, dass mich das jedes Mal aus dem Lernen rausgerissen hat, sodass ich während meiner Examensvorbereitung die E-Mails konsequent nur am Abend gelesen und beantwortet habe. Diese klare Struktur hat mir geholfen, Studium, Nebenjobs und das NBG gut unter einen Hut zu bringen.

Daneben ist natürlich auch die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Suchprozess nicht immer einfach. Ich habe in diesen zwei Jahren natürlich eine Menge dazu gelernt, sei es über den Umgang mit Atommüll in der Vergangenheit oder dem Bereich der Geologie. Trotzdem versuche ich zugleich, die "allgemeine Bürgersicht" auf den Prozess nicht zu verlieren.

Stimme der jungen Generation
Rückblickend würde ich wieder "Ja" zum ersten Telefonanruf sagen. Es freut mich einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass wir als Gesellschaft das Problem "Endlagerung" bestmöglich lösen wollen, auch wenn dies ohne Frage keine leichte Aufgabe ist. Gerade meine Generation hat das Problem - Einstieg in die Atomstrom-Erzeugung ohne zu wissen, wohin die Abfallstoffe sollen - nicht verursacht, aber verantwortlich sind wir nun trotzdem alle und das auch noch für viele Jahrzehnte.

Gerade deshalb finde ich es auch sehr gut, dass durch das Standortauswahlgesetz im Nationalen Begleitgremium zwei Plätzte für die junge Generation fest vorgesehen sind. Ich hoffe, dass das Nationale Begleitgremium einen Beitrag dazu leisten kann, dass der Endlagersuchprozess in Deutschland fair und transparent verläuft und wir als Gesellschaft die bestmöglichste Lösung finden.

Jorina Suckow