GSB 7.1 Standardlösung

Gestatten, Marion Durst!

Ein Anruf zur Endlagersuche statt Staubsaugerkauf, Gutachten statt Krimis im Zug. Teil des Nationalen  Begleitgremiums zu sein, kostet viel Zeit und bereichert ungemein. Denn frei und ohne Angst seine Meinung zu äußern und sich zu engagieren – das ist für mich ein hohes Gut!

Porträtfoto Marion Durst (NBG-Mitglied) Porträtfoto Marion Durst Quelle: Privat

September 2016. Es war einer dieser  Anrufe, bei dem ich die Frage erwartete, welche Staubsauger-Marke ich habe. Stattdessen wurde ich nach meinem Interesse an Atommüll gefragt. Die Worte "Uni Bamberg" und "Endlagersuche" in den ersten zwei Sätzen des Anrufers ließen mich das Telefon am Ohr behalten. Meine Neugier war geweckt.

Endlager statt Staubsauger
Durch meinen naturwissenschaftlich orientierten Beruf als Physiklehrerin kannte ich den Begriff "Endlagersuche", der sonst im Alltag der Menschen sicher kaum eine Rolle spielt. So verringerte sich meine Skepsis dem Anrufer gegenüber. Wie ich später erfuhr, wurden 69.000 dieser Telefongespräche von der Uni Bamberg im Auftrag des Bundesumweltministeriums geführt und die Teilnehmer*innen dabei nach einem statistischen Zufallsverfahren ausgewählt. Im weiteren Verlauf des Verfahrens nahmen im Oktober dann 118 Bürger an Bürgerforen in fünf Standorten Deutschlands teil.

Auf diesem Forum wurde ich über das Thema Atommüll und das Standortauswahlverfahren informiert und konnte alle Fragen stellen, die mir durch den Kopf gingen, z. B. "Wie arbeitete die Endlagerkommission?" oder "Warum erhitzt Gorleben immer noch die Gemüter?" Das Wochenende war für mich ein intensives Erlebnis: hochinteressant und hochanstrengend. Bis in die Nacht wurde diskutiert.

Go or no go?
Während des Bürgerforums in Leipzig hielt ich telefonischen Kontakt zu meiner Familie. Soll ich mich weiter engagieren? Ohne familiäre Absprache konnte ich dies nicht entscheiden. Deren "grünes Licht" gab den Ausschlag zu kandidieren. Ich wurde in das 30-köpfige Beratungsnetzwerk gewählt, das sich Anfang November das erste Mal traf.

Für anderthalb Jahre engagierte ich mich im Beratungsnetzwerk - eine gute Gelegenheit, sich in das Thema einzuarbeiten. Wie wildfremde Menschen mit sehr unterschiedlichen Sichtweisen aus allen Ecken Deutschlands zusammenkommen und intensiv an einem gemeinsamen Thema arbeiten, fasziniert mich bis heute. Die Stärke des Beratungsnetzwerkes ist die Vielfalt der Mitglieder, die unvoreingenommen und ohne Eigeninteresse den Bürgervertreter*innen im NBG als Resonanzboden dienen. Diese Erfahrung stärkte meine Motivation, im NBG zu arbeiten. Im Mai 2018 wurde ich schließlich ins Gremium gewählt.

Mitmachen statt nur Zuschauen
"Warum machst du das?" ist eine Frage, die ich seitdem häufiger gestellt bekomme. "Weil ich es kann!" lautet die Antwort. In Thüringen aufgewachsen, habe ich in der DDR erleben müssen, wie es ist, wenn man seine Meinung nicht offen sagen kann. Jetzt kann ich es und nutze jede Gelegenheit, dies auch zu tun. Freie Meinungsäußerung und demokratische Mitbestimmung haben für mich einen sehr hohen Stellenwert. Die Möglichkeit, in einem Prozess mit gesamtgesellschaftlicher Bedeutung mitzuwirken, wollte ich nicht verstreichen lassen.

"Demokratie lebt vom Mitmachen, nicht vom Zuschauen" zitiere ich manchmal die SPD-Politikerin Manuela Schwesig. Als Pädagogin versuche ich, jungen Menschen nicht nur Wissen, sondern auch Werte zu vermitteln. Sich zu engagieren, ist einer davon. Wie authentisch wäre ich, wenn ich dies selbst nicht beherzige? Verantwortung zu übernehmen, ist für mich ein anderer wichtiger Punkt. Wir hinterlassen den nächsten Generationen eine beschädigte Umwelt. Ein Endlager für Atommüll zu bauen, heißt zumindest, ein Stück Verantwortung zu übernehmen.

Wie schaffe ich das?
Familie, Beruf und NBG zu vereinen, ist oft nicht einfach. Nur die Unterstützung meiner Familie und meines Arbeitgebers ermöglichen mir dieses Engagement. Ich versuche, meine Zeit so effektiv wie möglich zu nutzen, z. B. durch Arbeiten im Zug. Statt Krimis lese ich Stellungnahmen und Gutachten. Die sind auch spannend - mal mehr, mal weniger.

Während meiner Tätigkeit im Beratungsnetzwerk und im NBG habe ich viele Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und teils konträren Meinungen kennengelernt. Dies gehört für mich zu den interessantesten Facetten meiner Tätigkeit. Immer wieder begegne ich neuen Menschen und setze mich mit verschiedenen Standpunkten auseinander. Ich versuche, einen Sachverhalt von möglichst vielen Seiten zu betrachten und mir ein Bild zu machen.  Diese Diversität spiegelt sich auch innerhalb des NBG wider. Es ist manchmal eine große Herausforderung, bei den unterschiedlichen Meinungen im Gremium einen Konsens zu finden. Aber was wäre ein Diskurs ohne Meinungsvielfalt?

Interessant und herausfordernd
Mein persönlicher Horizont hat sich auf jeden Fall erweitert. Es ist für mich immer ein Gewinn, aus dem eigenen Wahrnehmungsbereich herauszukommen und andere Perspektiven kennenzulernen.

Mein Ziel im NBG ist es, möglichst viele Menschen in diesen Prozess der Endlagersuche einzubinden. Wenn wir Vertrauen in das Verfahren ermöglichen wollen, setzt das voraus, dass viele Bürger*innen mit den unterschiedlichsten Meinungen gehört und beteiligt werden. Denn Meinungsvielfalt ist herausfordernd und bereichernd zugleich.

Marion Durst

Wer steckt eigentlich hinter dem Nationalen Begleitgremium? In einer losen Reihe von Interviews und Artikeln erzählen unsere Mitglieder ihre ganz persönliche NBG-Geschichte. Was ist ihre Motivation? Wo liegen die größten Herausforderungen? Die weiteren Texte finden Sie anbei.